sich aussetzen

Markus Bromm beschäftigt sich in seinen Pyrografien mit den scheinbaren Banalitäten des Alltags. Deutsche Behaglichkeit, Scheinwelten, Gemütlichkeit und das, was man gemein hin mit Schönheit beschreibt, steht bei dem Künstler auf dem Prüfstand. Dem zunächst ganz privaten Überwachungsverein Bromm’scher Prägung, der allgemeingültige Aussagen trägt und die Alltagswelt sozialkritisch hinterleuchtet, steht eine Technik zur Seite, die unkonventionell erscheint und in der Kunstgeschichte tendenziell exzentrischen Persönlichkeiten als Ausdrucksform diente.

Die pyrografisch entstandenen Arbeiten sind zunächst zeichnerisch orientiert. Mit dem Lötkolben brennt der Künstler seine Spuren in die Holzplatten. Die Formate folgen den zumeist rechteckigen Fundstücken und zeigen die Detailliebe zu der Maserung des Holzes. Entscheidend ist hier nicht die Extravaganz der Träger, sondern die Dauer der Bearbeitung durch den Künstler.

Die Pyrografien von Bromm sind langsam entstehende und den Prozess offenbarende Objekte, ob die Technik auf- oder abtragend ist, sei dahin gestellt, der Objektcharakter entsteht durch die Handhabung des Gegenstandes. Das “Durch die Hände gehen”, das “Einbrennen” in den Träger und die “Entschleunigung des Schaffensprozesses” machen das besondere dieser Arbeiten aus.

Bromm kanalisiert die alltägliche Auseinandersetzung mit dem Leben und bildet seine Spuren im gezielt verbrannten Holz ab.
Trotz der wiederkehrenden Themen Krieg, Tod, Hunger oder der Metapher des apokalyptischen Reiters sind die Arbeiten dezidiert lebensbejahend, da sie einen durchlittenen und der Handhabbarkeit zugänglich gemachten Prozess verdeutlichen. Rückbezüge zur Biografie des Künstlers sind evident und gewollt.

Der Autor selbst spricht vom “Leben als lebendigem Fluss, denn alles geht den Bach runter”. Bezogen auf ein Brustportrait mit autobiografischen Zügen in einer Tafel eines Triptychons sagt Bromm: “Ich nehme es wohltuend in Kauf, dass er sich sperrt im Format”. Dies trifft auf den Künstler in persona zu. Bromm liebt es die sperrigen Situationen auf zu decken, er selbst ist es, der sich in einem Werk seiner Selbstbeschämung, Selbstverhöhnung und Selbstverlachung aussetzt.
Das “Sich Aussetzen” ist Wesensmerkmal der Arbeiten. Die merkwürdigen und teilweise grotesken Situationen des Alltags werden in den Arbeiten umgeformt zu kleinen subtilen Erzählungen über die Eitelkeiten, die Bedürfnisse und die Torheiten der Menschen, die Bromm genauestens beobachtet.

Die Langsamkeit der Umsetzung am kleinen russgeschwärzten Arbeitsplatz entspricht einer Spurensicherung im nachvollziehenden Durchleben entsprechender Situationen. Der Leidensweg und das ritualisierte Gehen eines Pilgerwegs werden bewusst und ohne religiöse Verbrämung aufgegriffen.

Markus Bromm legt in seinen Pyropaintings sehr persönliche Werke vor, die immer auch als Einzelstücke gesehen werden sollen. Der Weg in einer collageartigen Weltsicht in den Arbeiten bedeutet inhaltlich immer auch eine Decollage des Alltags und somit seiner Hinterfragung. Vorlagen, beispielsweise aus Zeitungen, benutzt Bromm gerne und die Reproduktion der Reproduktion gehört zu seiner Antwort auf Welt dazu.
Vom Titel Bad Blut bis zur Auseinandersetzung mit Sprichworten bleibt immer ein ruhendes komisch satirisches Lächeln, das den Künstler Markus Bromm und seine Arbeiten auszeichnet.

unterschrift
Prof. Dr. Reinhard Lohmiller
Freiburg, 17. April 2006
Reinhard Lohmiller ist Professor für Ästhetik, Kultur und Kommunikation an der EFH Freiburg und Lehrbeauftragter am Institut für Kunstpädagogik der Johann Wolfgang Goethe- Universität, Franfurt/M